4. Der Riss
Am elften Tag riss die Welt.
Sie ging über den Markt der Farben, wo man einander Kleinigkeiten schenkte, weil Geld hier keine Rolle spielte. Sie wollte zu Tamsin. Sie kam an einem Brunnen vorbei, in dem das Wasser in Regenbogenfarben tanzte, und der Brunnen flackerte.
Für einen Herzschlag stand dort ein rostiger Tank mit abgeblätterter Farbe und einem Loch in der Seite, aus dem braune Brühe tropfte.
Juno blieb stehen.
Über dem Tank hing kein blauer Himmel, sondern einer in der Farbe von schmutzigem Kupfer, und da, wo eben noch ein Perlmuttturm gestanden hatte, ragte ein halb eingestürzter Kran in die Luft, von Rost überzogen. Sie roch nichts, aber sie wusste, wie es dort roch. Nach Öl und Salz. Nach Kessel-Ost. Sie hörte auch etwas, nämlich Stille, nicht diese weiche, gepolsterte Stille aus den Docks, sondern eine leere, offene, echte.
Dann war der Brunnen wieder da. Der Regenbogen. Der Turm.
»Juno?«
Tamsin stand neben ihr und lächelte mit einem Gesicht, in dem etwas fehlte.
»Hast du das gesehen?« Ihre Stimme kam ihr selbst fremd vor. »Der Brunnen. Da war ein Tank. Und ein Kran, und der Himmel war …«
»Welcher Tank?« Tamsin legte den Kopf schief. »Da ist nichts, Juno. Schau doch, wie schön es heute ist.«
»Ich hab’s gesehen, Tam!«
»Du bist müde. Komm, wir setzen uns in die Sonne.« Sie streckte die Hand aus, und in dem Augenblick, als ihre Finger Junos Arm berührten, rollte die Wärme durch Juno hindurch. Diesmal war sie stärker, wie eine Welle, die einem die Beine wegzieht. Sie deckte alles zu: die Angst, den Kran, das Salz. Es war wie ein Bett, in das man sich fallen lassen wollte, und es war so süß, dass Juno für einen Moment tatsächlich lächelte und sagte: »Ja. Vielleicht bin ich müde.«
Tief unter der Wärme, ganz leise, hörte sie etwas. Zwei Töne. Nicht wirklich, sondern in ihrem Kopf, wie aus einem Nebenzimmer. Sie wollte sich nicht dagegen wehren. Sie war so müde, und es war so schön hier.
Ich bin da. Was denn sonst?
Sie suchte nach irgendetwas, das nicht warm war. Nach irgendetwas, das kratzte. Ihre Finger fanden am linken Handgelenk eine winzige Kante, eine Naht in der perlmuttfarbenen Haut, ein Spalt nicht breiter als ein Haar. Sie schob den Fingernagel hinein und drückte.
Es tat weh.
Nicht viel. Ein feiner, gemeiner Stich. Aber er reichte, und die Wärme brach auseinander wie dünnes Eis. Juno stand mitten auf dem Markt und keuchte, obwohl sie keine Luft brauchte, und Tamsin sah sie an, besorgt, sanft, ratlos. Und Juno sah, dass das Gesicht ihrer besten Freundin ein Gesicht war, das jemand aufgemalt hatte.
»Ist alles in Ordnung?«
»Alles gut«, sagte Juno. Es war die erste Lüge, die sie in Solvane aussprach.
In der Ruhephase stand sie in ihrem Dock, die Augen offen, den Nagel im Spalt. Die Wärme kam in Wellen, kroch heran, wich zurück, wie das Wasser an den unteren Straßen von Kessel-Ost. Und weil sie nichts anderes tun konnte, ging sie den Brief durch. Wort für Wort.
Meine liebste Juno.
Ansa hatte sie nie liebste genannt. Sie hatte sie Juno genannt, oder Kind, wenn sie wütend war. Wir freuen uns so sehr. Ansa freute sich nicht sehr, sie sagte »Na also« oder »Wird schon«. Es ist wunderbar hier.
Und nirgends stand etwas über den Herrn Kaminski. Nichts über die Orange, nichts über den Stein. Kein einziges Mal beschwerte sich jemand. Ihre Mutter hatte in vierzig Jahren keinen Brief geschrieben, in dem sich nicht wenigstens über irgendetwas beschwert wurde.
Piet hustet kaum noch. Sie hätte es so gern geglaubt. Sie hätte fast alles dafür gegeben, es glauben zu dürfen.
Auf Höhe ihrer Schultern, im Innern der Nische, entdeckte sie in dieser Nacht zum ersten Mal die Prägung. Sie war winzig, kaum größer als ein Fingernagel. Ein Zeichen und eine Zahl. S-7 · Rechenlast 94 %.
Sie musste dreimal hinsehen, bis sie den Sinn verstand. Dann wurde ihr sehr kalt.
5. Der Kabelweg
Vier Nächte lang tat sie so, als wäre nichts.
Sie lernte, wie man in Solvane unauffällig blieb. Man lächelte im richtigen Rhythmus. Man lachte in der richtigen Länge, wenn andere lachten. Man hielt den Fingernagel im Spalt, den Blick auf dem Boden, und wenn jemand fragte, sagte man: »Ich bin glücklich.« Sobald sie zu suchen anfing, sah sie es überall. Die Schritte auf den Brücken waren im Takt. Die Stimmen hatten dieselben Melodien. Es war, als hätte jemand ein Lied geschrieben und Tausende Menschen hineingestellt.
Und die Wände hatten Nähte. Dünne Fugen, die man nur sah, wenn man wusste, wonach man suchte.
In der vierten Nacht, als die Stimme »Standby« sagte und alle in ihre Docks zurückgingen, blieb Juno am Ende der Straße stehen und wartete, bis niemand mehr zu sehen war. Dann kniete sie sich vor die Wand mit der Fuge und schob die Fingerspitzen hinein. Sie zitterte, was albern war, denn dieser Körper konnte gar nicht frieren.
Die Fuge gab nach.
Dahinter war ein schmaler Gang, in dem man kaum die Schultern drehen konnte. Blasse Leuchtstreifen an der Decke, ein rauer Boden und in der Mitte ein Bündel schwarzer Kabel, dick wie ein Arm, das in der Ferne verschwand. Es summte. Ein ganz feines, tiefes Summen, das sie im Bauch spürte. Es roch nicht, natürlich nicht, aber irgendetwas in ihr behauptete, es rieche nach Desinfektionsmittel. So wie damals bei der Ärztin im Viertel, als sie mit Piet im Wartezimmer gesessen hatte.
Sie folgte dem Kabel.
Der Gang führte in Windungen abwärts, über Treppen, durch Schächte, in denen sie auf allen vieren kriechen musste. Zweimal hörte sie Schritte, echte Sohlen auf Metall, und presste sich in eine Wandnische, das Herz in der Kehle, das sie nicht mehr hatte. Einmal ging ein Mann an ihr vorbei. Grauer Overall, Atemmaske unterm Kinn, ein Schlüsselbund am Gürtel. Er pfiff etwas vor sich hin. Einen alten Schlager aus dem Radio, den ihre Mutter beim Abwaschen mitgesummt hatte, immer falsch, immer bei derselben Stelle.
Juno hielt sich die Hand vor den Mund. Er war ein Mensch. Er hatte ein Schlüsselbund und hörte Radio und ging nach Feierabend bestimmt nach Hause, zu jemandem, der fragte, wie es gewesen war. Und er tat das hier, jeden Tag, und pfiff dabei.
Er sah sie nicht. Er ging vorbei, und der Schlager verklang im Gang.
Sie stieg über zweihundert Stufen hinab. Irgendwann hörte sie auf zu zählen. Und dann, an einer Stelle, wo der Gang sich zu einer Metalltür weitete, hörte sie von der anderen Seite ein Geräusch. Ein leises Blubbern, ein gleichmäßiges Piepen, das Zischen von Gas. Ein Krankenhausgeräusch.
Sie legte die Hand auf die Tür.
6. Das Kryo-Archiv
Zuerst dachte sie, es sei ein See.
Der Raum war so groß, dass sie sein Ende nicht sah. Blaues Licht lag über allem, und darunter, in endlosen Reihen, standen die Pods. Dieselben länglichen Kapseln wie im Zentrum, nur waren sie hier durchsichtig. In jeder schwebte ein Mensch in zäher, bläulicher Flüssigkeit, nackt, an Schläuchen und Kabeln, die sich wie Wurzeln zu Boden und Decke zogen.
Tausende. Zehntausende.
Juno ging durch die Gänge und suchte nicht, ihr Körper ging einfach. Sie erkannte Gesichter. Den Sohn der Frau vom Kiosk, mit den abstehenden Ohren. Die Zwillinge von oben, nebeneinander in zwei Pods, die Gesichter einander zugewandt, als hätte jemand sie so gelegt. Ein Mädchen mit einem schiefen Schneidezahn, das ihr einmal ein Bonbon geschenkt hatte. Alle sahen aus, als schliefen sie, nur zuckten manchmal ihre Lider, wie bei Menschen, die schlecht träumen, und an den Schläfen, wo die Kabel ansetzten, blinkte ein grünes Licht.
An jedem Pod hing ein kleines Schild, wie am Fußende eines Krankenbetts. Sie las die Namen, ohne es zu wollen.
KAMINSKI, R. — Bestellung 3382 — Hornhäute (2), Nieren (2)
Der Ralf. Der tiefen Frieden gefunden hatte. Er lag dort mit offenem Mund, und Juno dachte an einen alten Mann, der in einer Küche in Kessel-Ost saß und sich den Brief seines Sohnes vorlesen ließ, weil er zu schlecht sah, um die Lüge selbst zu lesen.
VOSS, R. — Bestellung 3390 — Lunge (2), Herz, Knochenmark ÖZKAN, D. — Bestellung 3397 — Leber (Teil), Haut, Bauchspeicheldrüse
Darunter stand überall dasselbe, in kleiner Schrift: Empfänger: Prime-Kunde. Status: reserviert.
Sie fand ihren Pod in der dritten Halle. Nummer 44712. Ein Mädchen mit kurzen, dunklen Haaren und einer kleinen Narbe über der linken Augenbraue, die sie sich mit sieben geholt hatte, als sie von einer Mauer gefallen war. Der Brustkorb hob und senkte sich in einem gleichmäßigen, künstlichen Rhythmus. Es sah nicht aus wie sie. Es sah aus wie jemand, der ihr sehr ähnlich sein wollte.
HALDER, J. — Bestellung 4471 — Nieren (2), Leber (Teil), Hornhäute (2), Knochenmark. Empfänger: Prime-Kunde. Status: reserviert. Rechenlast: aktiv.
Juno legte die Hand ans Glas. Es war kalt. Sie flüsterte, ohne zu wissen, warum: »Tut mir leid.« Sie sagte es zu ihrem eigenen Körper. Sie entschuldigte sich bei ihm, weil sie ihn dagelassen hatte, wie man sich bei einem Hund entschuldigt, den man beim Tierarzt abgibt.
Im Pod daneben, Nummer 44713, lag Tamsin.
Juno hatte es nicht gesehen, und plötzlich sah sie nichts anderes mehr. Die roten Haare, im Gel um ihr Gesicht gespreizt wie ein Fächer. Die Sommersprossen. Der Mund, halb offen, kurz vor einem Lachen, das nie kam. Roth, T. — Bestellung 4472 — Leber (Teil), Haut, Bauchspeicheldrüse. Sie waren am selben Tag hineingegangen, deshalb lagen sie nebeneinander, wie im Zentrum, wie im Kindergarten, wie immer.
Schritte.
Sie duckte sich hinter eine Säule. Zwei Männer in grauen Overalls kamen den Gang herunter, der eine groß, der andere klein, die Atemmasken um den Hals. Der Große schob eine Liege, auf der ein alter Mann lag, dünn wie Papier, gelb im Gesicht, und der Beutel an seinem Arm trug ein Schild: Bestellung 3390.
»Hast du das Spiel gestern gesehen?«, fragte der Kleine.
»Verlängerung. Wahnsinn.«
»Meine Frau sagt, ich soll mit dem Wetten aufhören.«
»Deine Frau hat recht.«
Sie lachten. Sie hielten an dem Pod mit dem Namen VOSS, R., und der Kleine blätterte in seinem Klemmbrett. »Herr Aldermann ist seit zwei Wochen wieder auf den Beinen, hab ich gehört. Neue Lunge, neues Herz. Fährt jetzt Ski.«
»Wenn man’s sich leisten kann.«
»Wenn man’s sich leisten kann«, wiederholte der Kleine, und beide grinsten. Dann fragte der Große: »Wie läuft die Last heute?«
»Siebenundneunzig. Die Neuen sind gut. Die Jungen sind immer am besten.«
Juno presste die Hand auf den Mund. Der Nagel steckte tief im Spalt ihres Handgelenks, und der Schmerz war das Einzige, was sie hielt. Nutzungsrechte, dachte sie. Ich willige ein. Alles hatte im Vertrag gestanden. Alles, in Worten, die so weich waren, dass sie einem aus dem Kopf fielen.
Sie hätte schreien können. Das Glas einschlagen, die Männer anspringen, die Kabel aus der Wand reißen. Sie stellte es sich vor, ganz deutlich, sie roch fast das Blut. Aber da war ein Gedanke, kalt und klar wie Eiswasser: Wenn ich jetzt etwas kaputt mache, wer stirbt dann?
Sie wusste es nicht. Und weil sie es nicht wusste, tat sie nichts. Sie sah noch einmal in Tamsins schlafendes Gesicht, dann in ihr eigenes, dann schlich sie rückwärts durch die Reihen, bis sich die Tür hinter ihr schloss.
Sie rannte. Die Stufen hinauf, durch die Schächte, bis ihre Lichtadern flackerten. Sie kroch oben in einer Seitenstraße aus der Wand, presste die Wange an den kalten Perlmutt und weinte, ohne dass eine einzige Träne kam. Da hörte sie es zum ersten Mal: einen Ton, weich und süß, der von überall zugleich kam.
Ein Wiegenlied.