DESYNC

Teil 1 von 3 · Kapitel 1–3

1. Salz und Rost

Der Umschlag lag seit drei Tagen auf dem Küchenschrank, zwischen der Zuckerdose und dem Stapel Mahnungen, und niemand hatte ihn angefasst. Er war zu weiß. Alles andere in der Wohnung war grau geworden, die Wände, die Geschirrtücher, sogar das Brot, und mitten darin lag dieses saubere Ding wie ein Gast, den keiner eingeladen hatte.

Am Morgen ihres achtzehnten Geburtstags nahm Juno ihn mit ins Treppenhaus. Dort war man wenigstens allein. Sie setzte sich auf die oberste Stufe, die Knie an der Brust, und drehte ihn in den Händen. Kein Name darauf, nur das Zeichen: zwei silberne Linien, die sich umeinander wanden. Helix-Institut.

Unten im Hof hämmerte jemand auf ein Rohr ein, wie jeden Morgen. Es roch nach Kohl und nach Salz. Nach Salz roch es überall in Kessel-Ost, seit das Meer die unteren Straßen genommen hatte, in der Wäsche, im Brot, auf der Haut. Ihre Mutter sagte immer, man schmecke nicht mal mehr, wenn man weine, es sei ja eh alles salzig. Sie sagte es als Witz, und meistens lachte man.

Jeder im Viertel kannte jemanden, der so einen Umschlag bekommen hatte. Den Sohn von der Frau am Kiosk. Die Zwillinge von oben. Früher hatte man noch Abschiedsfeiern gemacht, mit geliehenem Schnaps und schiefem Gesang. Inzwischen ging man am nächsten Tag einfach zur Ausgabe, holte seine Ration und tat, als würde nichts fehlen.

Hinter ihr ging die Tür auf. »Du sitzt im Zug«, sagte Ansa.

»Tut mir leid.«

»Muss dir nicht leidtun. Ich sag’s nur.« Ihre Mutter kam von der Nachtschicht und hatte noch die graue Jacke der Entsalzungsanlage an. Die Neonröhren dort machten jedes Gesicht fahl, und unter ihren Augen lagen Ringe, die fast schwarz waren. Sie setzte sich eine Stufe tiefer, mit dem Rücken zu Juno, und eine Weile sagte keine von beiden etwas.

Dann griff Ansa in die Jackentasche. »Halt mal die Hand auf.«

Es war eine Orange.

Juno starrte sie an. Sie hatte seit vier Jahren keine mehr gesehen. Sie war eingedellt, an einer Stelle schon weich, und der Geruch stieg ihr sofort in die Nase, scharf und sauber, so dass ihr die Augen brannten.

»Wo hast du …«

»Frag nicht.«

»Mama.«

»Ich hab gesagt, frag nicht.« Ansa drehte sich nicht um. »Herzlichen Glückwunsch, Juno.«

Sie aßen sie zu dritt auf der Treppe, weil Piet im Schlafanzug aus der Wohnung geschossen kam, kaum dass er den Duft gerochen hatte. Er war neun und witterte Essen wie ein Hund. Er bekam das größte Stück, ohne dass jemand darüber redete, und stopfte es sich so hastig in den Mund, dass ihm der Saft übers Kinn lief. Dann fing er an zu husten. Der trockene, bellende Husten, den er seit dem Winter hatte, den die Ärztin im Viertel »die Kellerlunge« nannte und gegen den es keine Tabletten mehr gab. Ansa klopfte ihm auf den Rücken. Juno sah zu, wie die Schultern ihres Bruders bebten, und dachte: Das Dach über seinem Bett ist undicht. Die Karte ist halbiert. Und ich sitze hier mit einem Umschlag.

Sie hatte längst entschieden. Sie wusste es nur noch nicht laut.

»Was ist da drin?«, fragte Piet, als er wieder Luft bekam, und zeigte auf den Umschlag.

»Eine Einladung.«

»Zu was?«

»Zu einem neuen Leben«, sagte Juno und hörte selbst, wie lächerlich das klang.

»Gibt’s da Fußball?«

»Bestimmt.«

»Dann komm ich dich besuchen.«

Ansa sagte nichts. Aber ihre Hand, die noch auf Piets Rücken lag, wurde ganz still.

Später, als der Junge wieder drinnen war, blieben sie zu zweit auf der Treppe. Juno wartete. Sie wartete mit dem ganzen Körper, so wie man auf einen Bus wartet, von dem man schon weiß, dass er nicht mehr fährt. Sie wartete darauf, dass ihre Mutter sagte: Du gehst nicht. Es reicht. Wir kriegen das anders hin.

»Der Herr Kaminski hat mir letzte Woche den Brief von seinem Sohn vorgelesen«, sagte Ansa stattdessen. »Weil er so schlecht sieht.«

»Und?«

»Da stand, der Junge hat tiefen Frieden gefunden. Der Ralf. Der hat als Kind nicht mal Frieden gesagt, wenn ihn die Wachen mit dem Fahrrad vom Kiosk geholt haben. Der hat Scheiße gesagt. Und jetzt schreibt er tiefen Frieden.« Sie lachte kurz, ohne Freude. »Die Briefe sind sehr schön, Juno. Alle sind sehr schön. Das ist das Komische.«

»Vielleicht ist er einfach glücklich.«

»Ja.« Ansa nickte langsam. »Vielleicht.«

»Mama, wenn du willst, dass ich bleibe …«

»Ich will, dass du achtzehn wirst und lebst.« Jetzt drehte sie sich doch um. Ihr Gesicht war nass, aber sie wischte nicht daran herum. »Ich will nicht, dass du in diesem Loch verschimmelst, weil deine Mutter zu stolz war, was zu sagen. Also sag ich nichts. Verstanden? Ich sag nichts, damit du selbst entscheidest.«

Juno wäre es lieber gewesen, sie hätte geschrien. Sie hielt sich die letzten Orangenreste, die noch in ihrer Hand klebten, unter die Nase, und dann heulte sie doch, kurz und hässlich, und ihre Mutter zog sie an sich. Die graue Jacke roch nach Öl und Meerwasser und nach zu Hause.

Am Abend stand Piet in der Küchentür, die Zahnbürste im Mund, und pfiff. Zwei Töne. Der hohe hüpfte nach oben, der tiefe kippte hinterher. Er hatte sich das mit fünf ausgedacht, und wenn man ihn fragte, was es bedeutete, verdrehte er die Augen.

»Das heißt: ich bin da. Was denn sonst?«

Sie pfiff zurück. Er grinste mit Zahnpasta im Mundwinkel und ging ins Bett. Später steckte er noch einmal den Kopf durch die Tür und drückte ihr einen flachen, grauen Stein in die Hand, glatt geschliffen vom Kanal. »Gegen Heimweh«, sagte er. »Hab ich extra gesucht.« Dann war er wieder weg, bevor sie etwas antworten konnte.

Sie lag lange wach. Das Dach tropfte in den Eimer im Flur, plink, plink, plink, und sie nahm sich vor, sich jeden Tropfen zu merken. Sie schaffte es bis etwa vierzig.

2. Der Transfer

Das Helix-Zentrum stand oben auf dem Hügel, wo früher die reichen Leute gewohnt hatten, und es war das erste Gebäude seit Jahren, an dem Juno keinen Riss sah. Sie ertappte sich dabei, dass sie danach suchte. Nichts. Nicht mal Wasserflecken. Die Wände waren so weiß, dass man Angst hatte, sie mit den Schuhen schmutzig zu machen.

Tamsin wartete am Tor, die Reisetasche an die Brust gedrückt, obwohl in der Einladung stand, dass man nichts mitbringen dürfe. Rote Haare, wie immer wild, die Augen verquollen. Sie kannten sich seit dem Kindergarten. Mit zehn hatte Tamsin Juno mal in den Kanal geschubst, aus Versehen, und war dann aus Schuldgefühl hinterhergesprungen, und beide hatten drei Wochen lang gestunken.

»Ich hab gekotzt«, sagte Tamsin statt Hallo. »Zweimal. Meine Mutter hat mir Kamillentee gemacht. Kamille! Als ob wir uns das leisten können.«

»Meine hat mir eine Orange geschenkt.«

»Eine echte?«

»Ich schwör.«

»Ich hasse sie alle«, sagte Tamsin, und dann fing sie an zu lachen, und dann zu weinen, und dann wieder zu lachen, alles innerhalb einer Minute. Tamsin lachte nie gleich. Mal kurz und bellend, mal endlos, bis sie sich verschluckte. Juno hielt sie fest, mitten im Vorhof, unter den Kameras.

Eine Frau im grauen Kleid holte sie ab. Odile Brandt. Sie hatte eine Stimme, bei der man automatisch die Schultern sinken ließ, und Hände, die sich anfühlten, als hätte jemand sie vorher auf der Heizung gehalten. »Ihr habt es geschafft«, sagte sie. »Der schwerste Teil ist die Tür da draußen. Jetzt kommt nur noch Schönes.«

An der Schleuse musste Juno ihre Taschen leeren. Sie hatte nichts dabei außer dem Stein. Sie hielt ihn in der Faust und wollte ihn nicht hergeben.

»Den dürfen wir leider nicht mitnehmen«, sagte Odile sanft. »Alles, was du brauchst, wartet drüben auf dich.«

»Der ist von meinem Bruder.«

»Ich weiß. Ich bewahre ihn gut auf. Versprochen.«

Juno legte ihn auf das Tablett. Neben ihm lagen ein Ring, eine Haarspange, ein zerknittertes Foto, ein Kinderzahn in einem Döschen. Sie fragte sich, wohin all das kam, wenn jemand nicht mehr da war, um danach zu fragen. Dann nahm Odile das Tablett weg, und Juno hatte keine Zeit mehr, sich das zu überlegen.

Sie kamen an einem Fenster vorbei, durch das man in einen runden Saal sah. Hunderte weißer Kapseln, in Ringen angeordnet, in manchen lagen schon Menschen. Ganz still, die Augen geschlossen, die Hände auf der Brust. Sie sahen nicht aus, als schliefen sie. Sie sahen aus, als würden sie auf etwas warten.

»Die Kryopods«, erklärte Odile. »Dein Körper braucht Schutz, während dein Bewusstsein reist. Er ist dort in besten Händen. Besser, als er es hier je gewesen wäre.«

Es gab Formulare. Ein Bildschirm, ein Finger, ein Häkchen bei Ich willige ein. Juno überflog den Text. Er war lang und in einer Sprache geschrieben, die einem beim Lesen aus dem Kopf rutschte, alles klang weich, wie mit Watte ausgestopft. Nur ein Wort blieb hängen wie ein Sandkorn im Auge: Nutzungsrechte. Sie wollte fragen, was das hieß. Aber Odile legte in dem Moment die Hand auf ihre Schulter, und die Hand war so warm, dass Juno die Frage vergaß. Sie ärgerte sich sofort darüber. Sie ärgerte sich darüber, dass es funktionierte.

Der Pod war kühler, als sie gedacht hatte. Sie lag darin wie in einem Sarg, den jemand freundlicherweise beleuchtet hatte. Tamsin lag im Pod nebenan und drehte den Kopf zu ihr.

»Wenn es schrecklich ist«, flüsterte sie, »sagen wir’s uns. Versprochen?«

»Wie denn?«

»Weiß nicht. Ich denk mir was aus.«

»Versprochen.«

»Noch etwas«, sagte Odile, beugte sich über sie und strich ihr die Haare aus der Stirn, als wäre sie ein Kind mit Fieber. »Such dir ein Ankerwort. Ein Wort, ein Bild, einen Klang, irgendetwas, das nur dir gehört. Es hilft beim Ankommen.«

Juno dachte an die Orange, aber die war aufgegessen. Sie dachte an ihre Mutter, doch bei dem Gedanken schnürte es ihr die Kehle zu, und das konnte sie hier nicht gebrauchen. Sie dachte an den Stein, den sie gerade verloren hatte. Und dann, weil es das Einzige war, das man nicht auf ein Tablett legen konnte, dachte sie an einen Jungen mit Zahnpasta im Mundwinkel und an zwei Töne.

»Gut«, sagte Odile leise. »Halt daran fest.«

Etwas Kaltes kroch ihre Arme hinauf. Dann etwas Warmes, das sich in ihrem Kopf ausbreitete wie Wasser in einer Badewanne. Es war nicht unangenehm. Es war, wenn sie ehrlich war, das Angenehmste, was sie je gefühlt hatte. Angst wurde zu Nebel, Nebel wurde zu Licht. Irgendwo, sehr weit weg, sagte eine Männerstimme:

»Sync-Protokoll bei sechzig Prozent. Schwankung. Soll ich anhalten?«

»Nein«, antwortete eine andere, gelangweilt. »Läuft nach. Passiert bei jedem Zehnten.«

Sechzig, dachte Juno. Sechzig von was? Aber der Gedanke war schon nicht mehr ihrer, er gehörte jemandem, der sich Sorgen machte, und sie hatte keine mehr. Sie pfiff in Gedanken die zwei Töne. Ich bin da. Was denn sonst?

Dann wurde es hell.

3. Solvane

Sie wachte auf, und alles war hell.

Das war das Erste. Kein Dämmerlicht, das durch Pappe am Fenster sickerte, kein Eimer, kein Husten von nebenan. Sie stand aufrecht in einer Art Nische, die Nische öffnete sich vor ihr wie ein Schrank, dahinter lag eine Terrasse, und hinter der Terrasse lag eine Stadt.

Solvane. Türme aus mattem Perlmutt, die aneinanderlehnten wie müde Freunde. Brücken aus Licht, die sich spannten, wenn jemand sie brauchte. Der Boden pulsierte unter ihren Füßen, ganz leicht, wie der Bauch eines schlafenden Tieres. Und der Himmel war blau. Nicht Kessel-Ost-Blau, das man sich zurechtdenken musste, sondern richtig blau, aus einem Kinderbuch.

Sie sah auf ihre Hände. Länger als früher, schmaler, die Haut glatt wie glasierter Ton, mit dünnen Lichtlinien darunter. Ein Chassis, hatte Odile das genannt. Manche sagten Android dazu, aber das Wort fühlte sich falsch an, denn sie war ja keine Maschine, sie steckte drin. Sie ballte die Faust. Es funktionierte. Sie tat es noch mal, weil es so schön war, dass es funktionierte.

»Ich hab’s dir gesagt, es ist nicht schrecklich!« Tamsin kam über die Terrasse gerannt, die Haare eine Flamme, und warf sich ihr um den Hals. Juno spürte den Aufprall und die Wärme. Erst viel später fiel ihr auf, dass Tamsin nach nichts gerochen hatte.

Sie rannten über die Brücken, bis Tamsin nicht mehr konnte, und dann fiel ihnen ein, dass sie gar nicht müde werden konnten, und sie rannten weiter, lachend, bis es ihnen langweilig wurde. Auch das ging. Juno hatte in ihrem ganzen Leben nicht so viel gelacht.

Am Mittag merkte sie, dass sie keinen Hunger hatte. Sie wollte den Geschmack der Orange zurückholen, nur zur Probe. Die Erinnerung kam, aber ohne Saft, wie ein Foto von einer Mahlzeit.

Am dritten Abend saß sie allein auf der Terrasse und dachte an Piet, und ihr Hals wurde eng, oder das, was jetzt ihr Hals war. Sie wartete auf die Tränen. Sie kamen nicht. Das Chassis hatte keine dafür, oder sie wusste nicht, wo sie sie finden sollte. Dann rollte etwas Warmes durch sie hindurch, wie ein Schluck heiße Milch, die Enge löste sich, und mit ihr das Bedürfnis zu weinen. Sie saß da und lächelte und hatte vergessen, warum sie eben noch hatte heulen wollen.

Das Institut nannte es Rechenzyklus. Jeder in Solvane trug Zyklen bei, hieß es aus dem Boden heraus, nicht aus Zwang, sondern aus Freude, und Juno bekam einen Platz in einer großen, hellen Halle, wo sie Listen abglich. Zahlenreihen, Lieferungen, Mengen. Es war nicht schwer. Jedes Mal, wenn sich eine Reihe schloss, durchströmte sie diese Zufriedenheit, so tief und warm, dass sie manchmal nicht mehr wusste, wo sie war. Neben ihr saß ein Junge namens Emil, der jeden Morgen sagte: »Schön, dass du da bist.« Immer mit denselben Worten und demselben Lächeln. Sie fand das anfangs süß.

Wenn das Licht in der Halle weicher wurde und eine Stimme »Standby« sagte, gingen alle in ihre Docks. Man stand darin, aufrecht, die Augen geschlossen, und sank in eine Stille, aus der man am Morgen ohne jede Erinnerung auftauchte. Nur Wärme blieb.

Am achten Tag lag eine Nachricht auf dem Wandpanel. Von: Ansa Halder.

Sie las sie dreimal, mit klopfendem Herzen, obwohl sie gar keines mehr hatte.

Meine liebste Juno, wir freuen uns so sehr für dich! Wir sind jetzt oben im Höhenquartier, es ist wunderbar hier. Piet geht es gut, er hustet kaum noch. Wir sind so stolz auf dich. Alles Liebe, deine Mama.

Piet hustet kaum noch. Sie saß da und grinste wie eine Idiotin. Dann schrieb sie zurück, und der Brief schrieb sich fast von selbst, sie musste kaum nachdenken, die Sätze kamen einfach. Sie las ihn nicht noch einmal durch. Sie schickte ihn ab.

In der zweiten Woche saßen sie auf dem Platz der Klänge, wo der Boden bei jedem Schritt eine Note von sich gab, und Tamsin erzählte von ihrem Zyklus, irgendwas mit Wegplanung, und lachte dabei. Es war ein schönes Lachen. Hell, ansteckend. Drei Töne hoch, zwei runter, ein kleiner Nachhall.

Juno lachte mit, und mitten im Lachen wurde ihr kalt. Sie kannte dieses Lachen seit vierzehn Jahren. Es war nie zweimal gleich gewesen.